Frage: Ich bin neu in der Imkerei und interessiere mich für die so genannte Dunkle Biene, auch Nigra, Salzburger, Landrassenbiene u.s.w. genannt. Ich würde gerne ausprobieren, ob es Bienenrassen gibt, die man auf natürlichere Art und Weise halten kann als beispielsweise die Carnica-Biene. Es ist mir nämlich grundsätzlich wichtig, Tiere sich natürlich entwickeln zu lassen, d. h. mit möglichst wenigen Eingriffen durch den Menschen.
Ich habe nun über die Dunkle Biene im Internet gelesen, dass sie weniger krankheitsanfällig ist und auch Kälteperioden besser übersteht, weil sie als ehemalige Landrasse an das mittel- und nordeuropäische Klima besser angepasst ist. Wenn dabei der Honigertrag, wie beschrieben, etwas niedriger ist als z. B. bei der Carnica, ist dies für mich nicht entscheidend, da für mich die Bestäubung meiner Obstwiese wichtiger ist.
Gibt es diesbezüglich schon Erfahrungen, und wo kann man begattete Königinnen bekommen? Ist es überhaupt möglich, solche Bienenrassen so einfach in Deutschland zu halten, oder sind die Konflikte mit Carnica-Imkern vorprogrammiert? Wie ist die rechtliche Situation?
Günter Zeidler
Steinweg 7, 35423 Lich-Langsdorf
guenter.zeidler@gmx.de
Antwort:
Herkunft und Verbreitung:
Der Name „Nigra“ (= Schwarz) bezeichnet einen bereits von Zander und heute in der Schweiz züchterisch bearbeiteten Stamm der Dunklen Biene (Apis mellifera mellifera). Untersuchungen von Prof. Ruttner zufolge, war sie in Mittel- bis Nordeuropa in unterschiedlichsten Ökotypen verbreitet, die sich an ihre ursprüngliche, kleinräumig differenzierte Region angepasst hatten. Diese Entwicklung war zwingend, wenn man das ehemalige Verbreitungsgebiet der Dunklen Biene mit seinen unterschiedlichsten Bedingungen von der französischen Mittelmeerküste (mediterran!) bis nach Nordskandinavien bzw. den britischen Inseln und von der Bretagne (atlantisch) bis an den Ural (kontinental!) anschaut.
Die Rasse ist seit mehr als einem Jahrhundert in weiten Teilen von Mittel- und Nordeuropa durch Einkreuzungen zuerst bastardiert worden, wodurch sich die imkerlichen Eigenschaften verschlechterten (Stechlust!). Man entschloss sich daher in den 50er und 60er Jahren, die noch vorhandenen Reste dieser bastardierten Landbienen durch die leichter zu bearbeitende und züchterisch Erfolg versprechende Carnica zu ersetzen. Die ursprünglich in Deutschland verbreitete Dunkle Biene ist bei uns deshalb vollständig ausgestorben. Bei Untersuchungen von Landbienenherkünften in Hessen stellte sich heraus, dass auch die Bienen von Imkern ohne aktive Zuchtarbeit von der Carnica nicht zu unterscheiden waren.
Anfälligkeit und Anpassung:
Alte Rassen müssen nicht per se robuster sein! Sicherlich ist zu erwarten, dass Tiere, aber auch Pflanzen, die nur für einen Zweck (Mehrertrag) gezüchtet werden, anfälliger sein können. Der Umkehrschluss ist aber nicht automatisch zutreffend! Auch alte Rassen reagieren auf Krankheiten anfällig, besonders dann, wenn sie mit neuen Erregern konfrontiert werden, weil entweder die Krankheit/der Parasit neu ist (Varroa!) oder dadurch, dass die Umweltverhältnisse sich gravierend geändert haben (neue Trachtsituation, andere Lebensräume, Klimaveränderungen). Die Risiken des weltweiten Austausches von Bienenmaterial werden daher leider von manchen Imkern zu gering eingeschätzt.
Für die inzwischen in Deutschland verbreitete Carnica gilt wie vormals für die Dunkle Biene: Sie ist weitestgehend an die hier und heute vorherrschenden ökologischen Bedingungen angepasst und unterscheidet sich durchaus von der österreichischen Carnica. Eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit liegt nicht vor, auch bereiten der Carnica längere Kälteperioden keine Probleme. In ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet, den Alpen, gibt es gar in Höhenlagen durchaus härtere und längere Winter als in den meisten der hiesigen Lagen.
Umgekehrt kann davon ausgegangen werden, dass Bienen, auch wenn sie der ursprünglich hier heimischen Rasse der Dunkeln Biene angehören, jedoch aus anderen Klimabereichen stammen, hier Anpassungsschwierigkeiten bekommen können. Bei Untersuchungen im Bieneninstitut Kirchhain stellte sich beispielsweise heraus, dass Herkünfte von A. m. mellifera aus Norwegen bzw. Polen völlig unterschiedliche Entwicklungskurven und Eigenschaften zeigen – obwohl sie der selben Rasse angehören. Gleich bleibend war allerdings ihre erhöhte Stechlust, obwohl züchterisch bearbeitet! Die betreuenden Imker mussten wiederholt Handschuhe anziehen, um sich vor Stichen zu schützen, was bei uns ansonsten unbekannt ist.
„Natürliche“ Haltungsweise:
Unsere Honigbienen sind in jedem Fall voll und ganz auf das natürliche Umfeld angewiesen, auch „moderne“ Zucht muss das berücksichtigen. Die natürlichen Bedingungen setzen die Maßstäbe, weswegen auch die Zucht z. B. in Richtung einer „unnatürlichen“ Biene langfristig zum Scheitern verurteilt wäre. Darin unterscheiden sich die Honigbienen von Haustieren. Honigbienen sind immer noch Tiere, die ohne menschliches Tun als Tierart überleben können, die Bekämpfung der Varroamilbe vielleicht ausgenommen.
Imkerliche Eingriffe sind in einigen Fällen eher von zweifelhaftem Nutzen (Futter aufritzen im Frühjahr) oder gar schädlich (Zargentausch) und daher ein zusätzlicher Stressfaktor für die Bienen. In unseren Lehrgängen propagieren wir eine besonders eingriffsarme und möglichst naturnahe Völkerführung, so dass sich der „Bien“ weitestgehend selbst entwickeln kann. Wenn es nur um die Bestäubung, um Naturbeobachtung und eventuell um eine geringe Eigenversorgung mit Honig ginge, wäre z. B. ein wesentlich einfacherer Kasten möglich (Top-Bar-Hive), der wichtige Nachsorge auf einfachste Weise ermöglicht.
Für eine natürliche Haltungsweise ist weniger die Bienenrasse entscheidend als vielmehr die Betreuung, sprich die Betriebsweise!
Rechtliche Einschränkungen:
Rechtlich gesehen kann Ihnen die Haltung anderer Bienenrassen niemand verwehren. Aber Konflikte mit Nachbarn und Nachbarimkern sind eindeutig vorprogrammiert, da Einkreuzungen mit der Mellifera oder Nigra eindeutig aggressiver sind. Aufgrund der sozialen Verantwortung sollte man daher eher Abstand nehmen.
Eine abweichende Bienenrasse lässt sich auch nicht einfach „halten“, da die Drohnen dieser Rasse auch Königinnen anderer Rassen begatten und umgekehrt. Aufgrund der bekanntermaßen sehr hohen Vererbung der Stechlust durch die Dunkle Biene lassen sich damit bestimmt keine Freunde bei den umliegenden Kollegen finden.
Auch die Bevölkerung weist heute eine wesentlich geringere Toleranz gegenüber Störungen auf, es wird schnell prozessiert. Bei vermehrter Aggressivität der Bienen wäre eine Bienenhaltung im Wohnumfeld (Dorf-/Stadtnähe) nicht mehr möglich. Das hätte zur Konsequenz, dass die Bienenhaltung weiter zurückgehen würde.
Heute ist eine besonders sanfte, quasi urbane Biene mit hoher Krankheitsresistenz (u. a. Varroa!) gefordert, die auch für den Freizeitimker bei geringem Betreuungsaufwand leicht haltbar ist. Diese Forderungen erfüllt die hier gehaltene und ausgelesene Carnica-Biene weitestgehend. Andere Bienenrassen mögen für Berufsimker mit lang anhaltenden Trachten (Wanderungen) besser sein, für den normalen Bienenhalter eignen sie sich wenig, ja sie stören die Bestrebungen ambitionierter Imker, die eine allgemein verträgliche Biene halten möchten.
Literatur:
Büchler: „Vergleichende Untersuchung von Volksentwicklung, Flugaktivität und Pollensammelverhalten verschiedener Apis mellifera carnica-Herkünfte und Apis mellifera mellifera-Herkünfte“, Apidologie 29. (5),
Seite 465 – 467
Büchler: „Bienenimporte. Risiken und Nebenwirkungen, die biene, 01/2000,
S. 8 – 9
Maul: „Die Dunkle Biene soll zurück nach Deutschland! Wissen Sie denn, was Sie tun?“, ADIZ 04/95 (29.)
S. 34 – 35
Ruttner: „Naturgeschichte der Honigbienen“, Ehrenwirth, München, 1992
Bruno Binder-Köllhofer
Fachberater für Bienenzucht,
Kirchhain
E-Mail: bruno.binder@hdlgn.de