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Praxisfragen
Wie kann ich ein Bienenvolk am Standort versetzen?
 

Frage: Ich bin Anfänger und habe seit einem Jahr ein Volk. Da ich mir nun ein Bienenhaus für vier Völker gebaut habe, möchte ich mein Volk gerne dorthin umsiedeln. Es steht bisher in ca. 8 Metern Entfernung.
Fluglochöffnung und Flugrichtung vom Einzelvolk und Bienenhaus entsprechen sich. Was muss ich bezüglich der Orientierung der Flugbienen beachten?
Rolf Langer
rolf.langer@web.de



Antwort:
Da Sie schreiben, dass Sie Einsteiger sind, möchte ich etwas ausholen. Honigbienen verfügen sowohl für die Dunkelheit ihres Bienenstockes als auch für ihre Umgebung während des Tageslichtes über exzellente Orientierungsleistungen. So prägen sie sich die Lage, Form und Farbe ihrer Behausung sowie die engere und weitere Umgebung und ihre Kontraste mit den entsprechenden Landmarken genau ein. Die Sonne, besser gesagt der Sonnenstand, und wenn sie verdeckt ist, das polarisierte Licht, sind ihnen dabei eine große Hilfe. Je nach Jahreszeit, Volksstärke und Lage der Trachtplätze finden sich die Bienen in einem Umkreis von bis zu fünf Kilometern zurecht. Während der Flugkreis z. B. bei der Steinobstblüte nur wenige hundert Meter groß ist, nimmt er im Sommer zu. Unter besonderen Bedingungen können durchaus auch Trachtquellen genutzt werden, die weiter als 5 km entfernt sind, allerdings wird der Nutzungsgrad immer geringer, da der „Spritverbrauch“ mit zunehmender Entfernung für Hin- und Rückflug ansteigt.

Orientierungsflüge
Um sich nun die Lage ihres Bienenstockes einzuprägen, unternehmen Jungbienen in der Regel ihre ersten Orientierungsflüge etwa ab dem zehnten Lebenstag, Jungdrohnen schon nach acht Tagen. Das weiche Schweben der jungen Bienen nennt man auch Vorspielen. Es hat meist am frühen Nachmittag einen Höhepunkt. Wer genau hinschaut sieht, dass sie mit dem Kopf zur Wohnung gerichtet auf und ab und von der einen Seite zur anderen gleiten. Anschließend folgen größere Schleifen, womit sie sich einen immer größeren Flugkreis erschließen, und nach wenigen Minuten landen die ersten wieder an der Flugfront. Während des Vorspielens sieht man mehrere Bienen am Flugloch in Sterzelstellung. Sie haben dabei ihre Nassanoffsche Drüse am Hinterleib aufgeklappt und versprühen einen zarten Duft, um den jungen Bienen das Zurückfinden zu erleichtern.
Fängt man nun eingeflogene Flugbienen vor dem Flugloch ab und lässt sie an irgendeiner Stelle zwei bis drei Kilometer von ihrer Bienenwohnung wieder fliegen, so finden sie in kürzester Zeit zu ihrem Standort zurück. Um dies zu beobachten, müsste man sie mit einem Farbklecks, wie man ihn zum Königinnenzeichnen verwendet, markieren.

Versetzen von Völkern
Der im Gedächtnis fest verankerte Wohnungsstandort muss, wenn man Bienenvölker auf einen neuen Standort versetzen möchte, unbedingt berücksichtigt werden. Flugbienen orientieren sich nämlich nicht bei jedem Sammelflug neu. Dies wäre zu zeitaufwendig. Würden Bienenbeuten nur wenige Meter verstellt, kehrten fast alle Sammlerinnen an den alten Standort zurück. Ohne ihr Volk würden sie dort zugrunde gehen. Sollen Völker daher innerhalb ihres Flugkreises versetzt werden, muss man sie zur Neuorientierung veranlassen. Das tun sie, wenn man sie für einige Zeit aus ihrem bekannten Flugkreis herausbringt. Dort orientieren sie sich bekanntlich neu. Verbringt man sie nun nach ca. 14 Tagen auf ihren früheren Standort – aber eben einige Meter versetzt – zurück, haben sie den alten Platz vergessen und fliegen sich neu ein. Auch während der Winterruhe vergessen Honigbienen das Bild der Umgebung. Erst mit dem ersten Ausflug orientieren sich alle Flugbienen neu. Sollen daher Völker auf demselben Grundstück nur wenige Meter verstellt werden, kann man die Winterzeit dafür gut nutzen. Das Versetzen sollte allerdings frei von Erschütterungen vollzogen werden und natürlich, bevor sie an wärmeren Tagen wieder ausfliegen. Manchmal soll ein einziges Volk lediglich um einen Meter nach links oder rechts, nach vorne oder nach hinten verschoben werden. Hier rückt man die Beute jeden Abend um zehn oder zwanzig Zentimeter nach. Die Bienen lernen dies und gewöhnen sich schnell daran.

Merke: Mit der Volksstärke, der Temperatur und der Tageslänge wird auch der Flugkreis größer. Völker oder auch Ableger, die ihre Flugbienen behalten sollen, müssen daher außerhalb ihres Flugkreises verbracht werden. Während der Winterruhe vergessen die Bienen das eingeprägte Bild und können auf dem gleichen Standort verstellt werden. Auch Schwärme orientieren sich sofort nach dem Einlogieren neu.

Imkermeister Werner Gekeler
Sternbergstraße 14
72525 Münsingen


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